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Fazit Bikini Kiels zu unserem Elephant In The Room-Fest
am 08. und 09. September 2018 in der Alten Meierei Kiel

Es handelt sich hierbei um unsere Eindrücke und eine Betrachtung, die gern Anstoß zur konstruktiven Diskussion und Auseinandersetzung bieten darf.

Wir verstehen uns als queer-feministisches Kollektiv, welches (sub-)kulturelle Veranstaltungen in Kiel organisiert und umsetzt. Unser Ziel ist es dabei, Frauen*, Lesben, Queers, Trans*- und Inter*Personen (FLTIQ*) auf und auch vor und hinter der Bühne zu stärken. Neben Konzerten verschiedener Musikrichtungen, Parties und Vorträgen haben wir uns erstmalig mit der Organisation eines Fests befasst, welches wir in die Tradition der Riot Grrrl-Feste gestellt haben. Hierfür haben wir Einzelpersonen und Gruppen eingeladen und ein Wochenende mit Workshops, Vorträgen und Inputs zur Vernetzung und Weiterbildung, jedoch auch zum rücksichts- und respektvollen Feiern miteinander auf die Beine gestellt.

Zuallererst einmal ein riesiges DANKESCHÖN für die großartige Unterstützung und Solidarität, die wir von all den Einzelpersonen und Gruppen erfahren durften. Ohne euch hätte unser Fest so nicht stattfinden können! Crew Love Is True Love!
Schon bevor wir konkret das Wochenende planten, fiel uns neben der wunderbaren Unterstützung, die wir als Gruppe erfahren durften, ein leichter Widerstand «innerhalb unserer Szene» auf. Dieser erstreckte sich von witzig gemeinten Sprüchen und gutgemeinten Ratschlägen über die Bewertung unserer Klamotten und Erscheinung sowie ein Absprechen unserer «feministischen -» oder auch «punk-credibility». Diese vermutlich auf persönliche Verletzung ausgerichteten Angriffe haben wir verkraftet, sorry! Ebenso haben wir keinerlei Anstalten gemacht, das auf uns projizierte Konkurrenzdenken und die penetrante Vergleicherei mit anderen queer-feministischen Projekten in Kiel anzunehmen – im Gegenteil, wir wachsen aneinander und vielleicht auch zusammen.

Unser Wochenende war offen für alle gender (alle Geschlechtsidentitäten), allerdings gab es Workshops und Räume, die FLTIQ* vorbehalten waren. Feminismus ist keine «Frauen*sache» und die Wahl zu haben, sich mit Sexismus auseinanderzusetzen,ist ein cis-männliches Privileg. Auch das antifaschistische Engagement oder die linksradikale Haltung garantieren nicht, sich reflektiert und kritisch mit den eigenen sexistischen Denkweisen auseinanderzusetzen. Antifaschistisches Engagement mit den Einbezug von Feminismus und seine praktische Umsetzung erachten wir für unabdingbar. Nur auf diese Weise wird verhindert, dass Unterdrückungsmechanismen, die sich in der Gesellschaft aufzeigen lassen, zwangsläufig reproduziert werden. Es kommt sonst zum Ausschluss und zu verschieden Formen der Gewalt gegenüber FLTIQ*.

Wir erachten es ebenso für sinnvoll, dass cis-Männern die Möglichkeit gegeben wird, sich abseits der von ihnen erwarteten Männlichkeit zu bewegen und haben auch deshalb die kritische Beschäftigung mit Männlichkeit in den Fokus gestellt.

In unserer Auftaktveranstaltung wurde ein Buch vorgestellt, in dem die mediale Vergeschlechtlichung und Dämonisierung, aber auch die Bagatellisierung von Beate Zschäpe diskutiert und kritisiert wird. Uns ist aufgefallen, dass zu dieser Buchvorstellung wenig Menschen erschienen sind, die normalerweise teilnehmen an Vorträgen/ Beiträgen zum antifaschistischen Diskurs. (siehe Buch Charlie Kaufhold)

Ebenfalls auffällig war die verhaltene Beteiligung von cis-Männern an den All Gender-Angeboten unseres Fests. So dankbar wir für die Hilfe und praktische Solidarität sind, die wir durch einzelne cis-Männer erfahren durften, so verwunderlich war es für uns zu erleben, dass die Meierei und vor allem der durch unser Fest eröffnete Raum des Austausches und der Vernetzung nicht gefüllt werden konnte.

Wir wollen nicht mutmaßen, welche Gründe die oben geschilderten Verhaltensweisen und das Fernbleiben von Genoss*innen von unserer Veranstaltung haben mögen. Auch sehen wir uns nicht in der Bringschuld, die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit intersektionalemFeminismus und der Reflexion des eigenen Sexismus einer Szene nahezubringen, die sich als emanzipiert, linkspolitisch und engagiert begreift.

Wir wollen weiter Entwicklungen auf den Weg bringen und Missstände ansprechen. Wir wollen uns austauschen und gegenseitig stärken, sowie den Raum bieten, sich selbst zu hinterfragen. Die Punk-Szene und auch die Antifa-Szene sind exklusiv, wenig bis gar nicht divers und häufig fühlen wir FLTIQ*Identitäten nicht mitgedacht und empfinden die Auseinandersetzung mit Formen von Herrschaft und Dominanz als mangelhaft. Unsere Kritik und Wünsche ernst zu nehmen (ob die nach FLTIQ*-Räumen oder den Rechten am eigenen Bild), seine Cis-männlichen Mitstreiter / Genossen / Kollektivistas etc. auf ihr Mackerverhalten oder ihre sexistischen Witze hinzuweisen, wäre dabei ein erster Schritt.

Auch wir müssen berücksichtigen und uns eingestehen, unser Wochenende und allgemein unsere Veranstaltungen nicht frei von Ausschlussmechanismen gestalten zu können. Wir müssen anerkennen, dass innerhalb unserer Gruppe eine Überrepräsentation weißer Mittelschichtsbiographien vorliegt. Wir haben keine Kinderbetreuung organisieren können und haben unser Fest an einem Ort stattfinden lassen, um dessen eingeschränkte Barrierefreiheit wir wussten. Hier sehen wir großen Aufhol- und kontinuierlichen Reflektionsbedarf, um uns schließlich unserem Ideal einer Auflösung diskriminierender Strukturen anzunähern und Freiräume zu schaffen, die frei sind von ableistischen, sexistischen, kapitalistischen, rassistischen und antisemitischen Vorstellungen.

Wir bleiben dran

WEIL wir FLTIQ* uns nach Platten, Büchern und Fanzines sehnen, die UNS ansprechen, in denen WIR uns mit eingeschlossen und verstanden fühlen.
WEIL es für uns FLTIQ* einfacher werden soll, unsere Arbeiten zu hören/sehen, damit wir unsere Strategien teilen und uns gegenseitig kritisieren/applaudieren können.
WEIL es wichtig ist, unsere Arbeit mit dem Alltag unserer Freund*innen verbunden zu sehen, wenn wir herausfinden wollen, wie wir Dinge angehen, reflektieren, verfestigen oder dem Status quo verändern können.
WEIL wir Andere ermutigen und selbst ermutigt werden wollen, angesichts all der Unsicherheiten und des Männer-Sauf-Rocks, der uns vermittelt, dass wir keine Instrumente spielen können.
WEIL wir uns nicht an die Standards anderer (die der Cis-Typen) anpassen wollen, an deren Definitionen, was „gute“ Musik, Punkrock oder „Gutes“ Schreiben ist, UND DAHER Orte schaffen wollen, an denen wir unsere eigenen Vorstellungen entwickeln, zerstören und definieren können.
WEIL wir nicht mehr länger zurückschrecken vor dem Vorwurf, wir seien reaktionäre, «umgekehrte Sexist*innen» oder gar «Punkrock-Kreuziger*innen», die wir ja tatsächlich sind.
WEIL wir wissen, dass Leben mehr sein kann, als bloß physisch zu existieren und uns bewußt ist, dass die Idee des do-it-yourself im Punkrock zentral für die kommende wütende Grrrl*-Rock-Revolution ist, die die psychischen und kulturellen Welten von FLTIQ* in ihren eigenen Begriffen zu retten versucht.
WEIL wir Wege finden wollen, wie wir antihierarchisch sein und Musik machen, Freundschaften und Szenen entwickeln können, die auf Kommunikation und Verständnis basieren und nicht auf Konkurrenz und Kategorisierung von Gut und Böse.
WEIL das machen/lesen/hören von coolen, uns selbst wertschätzenden und herausfordernden Dingen uns helfen kann, die Stärke und den Gemeinschaftssinn zu entwickeln, die wir brauchen, um herauszufinden, was Scheiße wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Diskriminierung aufgrund des Alters, der Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung, des Gewichts, der Klasse oder des Körpers in unserem Leben anrichten.
WEIL wir die Unterstützung und die Stärkung von FLTIQ* Szenen und künstlerisch aktiven FLTIQ* als integralen Bestandteil dieses Prozesses sehen.
WEIL wir Kapitalismus in all seinen Formen hassen und weil es unser zentrales Ziel ist, Informationen zu teilen und wir nicht den herrschenden Standards entsprechend nur Geld machen oder cool sein wollen.
WEIL wir wütend sind auf eine Gesellschaft, die uns sagt, es gäbe nur Jungen und Mädchen und diese hätten «typische» Eigenschaften und Fähigkeiten.
WEIL wir es nicht zulassen, dass unsere echte und berechtigte Wut verpufft und/oder über die Internalisierung von Sexismus, wie wir sie in der Rivalisierung von FLTIQ* oder in ihrem selbstzerstörerischen Verhalten sehen, gegen uns gerichtet wird.
WEIL selbstzerstörerisches Verhalten nicht so einfach wäre, wenn wir in einer Gemeinschaft leben würden, in der wir uns geliebt, erwünscht und geschätzt fühlen.
WEIL wir absolut 100%ig überzeugt sind, dass FLTIQ* eine revolutionäre Kraft haben, die die Welt wirklich verändern kann und wird.

November 2018
Bikini Kiel

Glossar:

· Cis: Als “Cis” werden Menschen bezeichnet, die sich dauerhaft mit dem Geschlcht identifizieren und wohlfühlen, welches ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde.

· Privileg: Ein Privileg ist ein unverdienter Vorteil, den Personen oder Gruppierungen z.B. aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung innerhalb einer Gesellschaft haben, weil diese als gesellschaftliche Norm gelten bzw. als positiver/ stärker bewertet werden und diese Menschen hierdurch Vorteile erlangen, bzw. mit bestimmten Diskriminierungsformen nicht persönlich konfrontiert werden

· intersektionaler Feminismus: Der intersektionale Feminismus schließt verschiedene Diskriminierungsformen mit ein, er verknüpft die Unterdrückung z.B. durch Rassismus, Sexismus, Kapitalismus. Er geht davon aus, dass keine dieser Unterdrückungsformen voneinander unabhängig betrachtet werden sollte.

· Internalisierung: Internalisierung meint die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Normen, Regeln und Werten.